Noch nie war es so einfach, kreativ zu sein. Layouts entstehen per Prompt, Texte in Sekunden, Videos auf Knopfdruck. Künstliche Intelligenz demokratisiert Fähigkeiten, die früher jahrelange Ausbildung, Erfahrung und Scheitern erforderten. Nicht-Grafiker:innen gestalten Layouts. Nicht-Texter:innen schreiben Werbetexte und PR-Meldungen. Laien-Regisseure produzieren Videos. Doch genau hier beginnt das eigentliche Problem.
Wenn Können simuliert wird, aber Verstehen fehlt
KI liefert Ergebnisse. Aber sie liefert kein Verständnis. Wer heute mit KI arbeitet, kann etwas machen, ohne zu wissen, warum es funktioniert – oder eben nicht. Ein Layout wirkt „okay“, ein Text klingt „professionell“, ein Video sieht „fertig“ aus. Doch die Oberfläche täuscht. Was ist ein wirkungsvolles Layout? Was macht einen überzeugenden Text aus? Warum trägt ein Video-Konzept – oder scheitert nach 10 Sekunden? Ohne Grundwissen bleiben diese Fragen unbeantwortet.
Das Kernproblem: KI verstärkt den Dilettantismus
Früher waren Grenzen sichtbar. Heute sind sie verschleiert. Die KI überbrückt fehlende Fähigkeit und Fachwissen, aber sie ersetzt kein Urteilsvermögen. Sie gibt Laien das Gefühl von Kompetenz, ohne das notwendige Fundament zu liefern. Das ist gefährlich – nicht, weil die Ergebnisse schlecht wären, sondern weil sie nicht mehr hinterfragt werden und die User:innen gar nicht merken, dass sie nur Mittelmaß produzieren.
Die KI täuscht vor, was Dilettanten nicht wissen können
Wer nie gelernt hat, warum Weißraum wirkt, erkennt kein überladenes Layout. Wer nie Texte redigiert hat, spürt keine inhaltliche Leere. Wer nie Dramaturgie verstanden hat, verwechselt Schnitt mit Story.
Oberfläche statt Substanz
KI ist hervorragend darin, bekannte Muster zu reproduzieren. Aber Wirkung entsteht nicht durch Muster – sondern durch Entscheidungen und Ideen. Wer keine Idee hat kann auch nicht richtig prompten. Das ist beim Text noch einfacher als bei Bildgeneratoren. Wer ein Bild promptet, ohne zu wissen wie es aussehen soll, wird scheitern.
Die Lücke zwischen Experten und Nicht-Experten wird größer
Die einen erkennen die Probleme und lösen sie mit Expertenwissen. Die anderen glauben zu wissen, aber wissen gar nicht was und wie sie es tun müssten. Warum genau diese Headline? Warum dieses Bild an dieser Stelle? Warum dieser Spannungsbogen – für diese Zielgruppe?
Ohne Grundlagenwissen werden Entscheidungen durch Zufall ersetzt. Oder schlimmer: durch den ersten akzeptablen Output. So entsteht eine neue Mittelmäßigkeit: professionell aussehend, aber konzeptlos.
KI macht Wissen optional – und genau das ist das Problem
Die größte Stärke der KI ist zugleich ihre größte Schwäche: Sie macht Wissen scheinbar verzichtbar. Doch Kreativität ohne Verständnis ist wie Navigation ohne Karte. Man bewegt sich – aber weiß nicht, wohin. Grundlagen sind kein Ballast. Sie sind ein Filter, ein Qualitätskompass, ein Korrektiv. Ohne sie können User:innen nicht beurteilen: ob etwas gut ist, ob es besser sein könnte, oder ob es komplett am Ziel vorbeigeht.
Die neue Verantwortung liegt beim Menschen
Die entscheidende Frage lautet nicht: Was kann KI? Sondern: Was muss ich selbst verstehen, um KI sinnvoll einzusetzen? KI kann verstärken, aber nicht ersetzen. Sie ist Werkzeug, nicht Autorität. Wer die Grundlagen beherrscht, nutzt KI schneller, besser und gezielter. Wer sie nicht kennt, wird von überzeugenden Oberflächen getäuscht.
Kompetenz schlägt Prompt
Das KI-Problem ist kein technisches. Es ist ein kulturelles. Nicht die KI ist das Risiko – sondern der Glaube, dass Ergebnis gleich Verständnis ist. Dass Output gleich Qualität ist. Dass Können ohne Wissen möglich ist.
KI macht vieles einfacher, aber sie macht Grundlagen wichtiger denn je. Denn nur wer weiß, warum etwas wirkt, erkennt, wie es wirkt.
Weiterbilden, weiterdenken, wow.
Albert Heiser